Antiqua oder nicht? Und: Was ist eine Serife?
Im letzten Buchblock ging es um Antiqua-Schriften und darum, wie sie entstanden sind. Wenn man ein bisschen über die Antiqua und ihre Geschichte weiß, fragt man sich: "Ist dann nicht fast alles, was man hierzulande liest, Antiqua?" Das Quäntchen Fraktur in den Überschriften mancher Zeitungen, die immer seltener werdende Schreibschrift (E-Mails kommen eben schneller und sicherer an als Briefe), die zwei chinesischen Schriftzeichen als Deko auf Irgendetwas, na gut, das ist was anderes … und alles andere Antiqua?
Nicht unbedingt, denn Antiqua ist Ansichtssache. Viele Leute sagen "Antiqua", wenn sie "Schrift mit Serifen" meinen. (Serifen sind die kleinen Widerhaken an manchen Buchstaben).

Viele Schriften haben Serifen. Hier sind die Serifen rot markiert. Es gibt allerdings weitere Merkmale, die typisch für Schriften mit Serifen sind (aber auch mal bei serifenlosen Schriften vorkommen können). Das sind zum Beispiel die unterschiedlichen Strichstärken bei waagerechten bzw. senkrechten Strichen im Buchstaben und tropfenförmige Strukturen (wie hier am kleine R bzw. F.) Mehr über die Serife gibt es im nächsten Buchblock.
Ein Typograph würde das vielleicht naiv finden und einwenden, dass es auch serifenlose Antiqua gibt und die Serifen eben kein zwingendes vorhandenes Merkmal der Antiqua sind. Und dann würde sich ein weiterer einschalten und dem ersten Recht geben, indem er die Schrift ohne Serifen als Grotesk bezeichnet. (So wird die serifenlose Schrift genannt, weil sie in der Zeit ihrer Entstehung als sonderbar empfunden wurde. Das ist jetzt kaum mehr nachvollziehbar, weil serifenlose Schrift, zumindest, wenn man den einzelnen Buchstaben betrachtet, nüchterner und aufgeräumter aussieht als Serifenschrift).
Aber zum Glück gibt es in Deutschland für alles eine Norm. Vielleicht kann ja DIN 16518 verhindern, dass sich die Leute, die sich oben über die serifenlose Schrift streiten, darüber die Köpfe einschlagen. Nach dieser Norm handelt es sich um eine Schrift der Gruppe VI, also um eine "serifenlose Linear-Antiqua" oder eventuell auch um eine Schrift der Gruppe VII, dann wäre es eine "Antiqua-Variante".

Die beiden oberen Schriften sind eindeutig Antiqua- Schriften (Garamond: Nach DIN 16518 eine französischen Renaissance-Antiqua, Courier New ist laut Norm eine „serifenbetonte Linear-Antiqua“). Über die anderen lässt sich streiten; Serifen haben sie jedenfalls nicht und werden darum von den deutschen Normenfuzzis in die Kategorie „Serifenlose Linear-Antiqua" gesteckt. Viele nennen die serifenlosen Schriften auch „Grotesk“ bzw. „sans serif"
Nach DIN 16518 ist so gut wie alles Antiqua. Die Ausnahmen: Schreibschriften, gebrochene Schriften, fremde Schriften.
Diese Norm gefällt verständlicherweise nicht jedem. Ein Punkt, der problematisch ist, sind zum Beispiel die „fremden“ Schriften. Man kann nämlich ein chinesische Schriftzeichen durchaus an eine Antiquaschrift anpassen – nach der Norm blieben sie aber einfach nur Teil der Gruppe XI: fremde Schriften. Schade, finde ich.